Pilotenstreik: Lufthansa muss Entschädigung an Passagiere zahlen
Aktuelles Urteil aus Luxemburg
Folgen für Ryanair-Streik?

Personalstreiks bei Fluggesellschaften, zuletzt Ryanair, scheinen an der Tagesordnung. Vieles dreht sich dabei um die Frage, ob die Passagiere von den Fluggesellschaften für die Flugverspätungen und –annullierungen zu entschädigen sind. Zwei Kläger aus Luxemburg wollten es wissen und zogen mit ihrem Fall vor Gericht.

Eines der ersten Urteile überhaupt

Das Friedensgericht Luxemburg hat nunmehr die Frage nach Entschädigung Ja oder Nein im Fall des Pilotenstreiks im Herbst 2016 bei Lufthansa in einem jüngsten Urteil vom 18. Juli 2018 beantwortet.

Das Gericht ist der Ansicht, dass der angekündigte Pilotenstreik von Lufthansa keinen außergewöhnlichen Umstand im Sinne der europäischen Fluggastrechteverordnung darstellte. Die Fluggesellschaft wird damit verpflichtet, Ausgleichszahlungen an die beiden Kläger zu zahlen, die von den Flugannullierungen bzw. –verpätungen betroffen waren. Basiert hat sich der Friedensrichter dabei auf ein ebenfalls rezentes Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom April 2018. Im Urteil TUIFly hatten die Richter bereits den Fall eines “wilden” Streiks, den ein Teil des Personals mitgemacht hat, nicht als außergewöhnlichen Umstand qualifiziert.

Die Kläger dürften damit in Luxemburg eines der ersten Urteile überhaupt erstritten haben, in dem ein nationales Gericht unter Anwendung der Kriterien des TUIfly-Urteils des Europäischen Gerichtshofes – eine Fluggesellschaft zur Zahlung von Entschädigungen verpflichtet.

EVZ-Direktorin: „Jeder Streik muss analysiert werden“

Im konkreten Fall vor dem Friedensgericht in Luxemburg war der Flug der beiden luxemburgischen Kläger nach Oslo im Oktober 2016 wegen des Pilotenstreiks annulliert worden. Es erfolgte zwar eine Umbuchung auf einen anderen Flug, der aber wiederum erst mit einer mehr als dreistündigen Verspätung in Oslo ankam.

Nachdem die Kläger zuerst selber ihre Ansprüche vergeblich bei der Fluglinie geltend machten, wandten sie sich an das Europäische Verbraucherzentrum Luxemburg. Obwohl das Netzwerk der Europäischen Verbraucherzentren in derartigen Fällen oftmals außergerichtliche Lösungen erzielt, hat Lufthansa in diesem Fall nicht eingelenkt. Daher zogen die Kläger in Luxemburg vor Gericht. Sie konnten ihre Ansprüche durch das von der EU initierte Europäische Verfahren für geringfügige Forderungen durchsetzen. Es ist in Luxemburg kostenfrei und ein Anwalt wird nicht benötigt. Die beiden Kläger füllten lediglich ein dafür vorgesehenes Formular aus.

Die Kläger freuen sich auf 250 Euro Entschädigung plus Zinsen pro Person. Lufthansa könnte mit weiteren Entschädigungsanfragen konfrontiert werden.

Karin Basenach, Direktorin vom Europäischen Verbraucherzentrum Luxemburg, sagt dazu: “Pauschalierungen verbieten sich. Jeder Streik bei Fluggesellschaften muss vielmehr von Fall zu Fall analysiert werden.Tatsache ist jedoch, dass die Juristen sich aktuell den Kopf darüber zerbrechen, ob Ausgleichszahlungen von Ryanair zu zahlen sind oder nicht. Wir haben mit dem Urteil aus Luxemburg eine Antwort“.

Erstattung + Entschädigung

Das Europäische Verbraucherzentrum Luxemburg rät Verbraucherinnen und Verbrauchern, die gerade auch von den aktuellen Streiks bei Ryanair betroffen sind, neben der Erstattung des Ticketpreises für annullierte Flüge auch eine Entschädigung, die je nach Reichweite des Fluges zwischen 250 und 600 € betragen kann, bei der Fluggesellschaft schriftlich geltend zu machen.

Das Europäische Verbraucherzentrum stellt einen Musterbrief zur Verfügung, der im übrigen auch für jede Art von Personalstreiks bei Fluggesellschaften genutzt werden kann. Sollte sich die Durchsetzung Ihrer Rechte schwierig gestalten oder haben Sie Fragen rund um das Thema Fluggastrechte, können Sie sich an das Europäische Verbraucherzentrum wenden.

Finden Sie hier den Beitrag von „Radio 100,7“ zum Thema ( ab der Minute 2.32):

 

Hier geht’s zu den Musterbriefen auf